

Ein fotografisches Projekt über Resilienz, Identität und die Kraft der Selbstermächtigung. Es ist eine Reise der Heilung – durch Fotografie, Symbolik und erzählte Geschichten. Ein künstlerisches Porträtprojekt, das Frauen* zeigt, die Gewalt erlebt haben, ihre Widerstandskraft entdeckt und sich selbst neu definiert haben.
Die Notwendigkeit, solche Geschichten zu erzählen, zeigen alarmierende Zahlen: Österreich wurde als eines der Länder mit einer besonders hohen Femizid-Rate in Europa genannt. Zwischen 2010 und 2020 wurden 319 Frauen (meist durch Partner oder Ex-Partner) ermordet.
“Was in mir lebt” verweist auf jene Formen von Gewalt, welche die betroffenen Frauen* – trotz Therapien und intensiver Aufarbeitung – nicht einfach aus ihrem Leben, ihrem Körper oder ihrem Geist löschen können. Im therapeutischen Prozess lernen sie, mit den Narben zu leben: den unsichtbaren Wunden, der inneren Leere, dem Verlust und dem, was ihnen auferlegt wurde, zu leben. Sie lernen, mit dem zu leben, was in ihnen wohnt – und genau in diesem Prozess entsteht ihre Wandlung, ihre Resilienz und ihr Kampf. Denn nicht das Erlebte bestimmt, wer sie sind – sondern das, was sie daraus gemacht haben.


Porträtiert werden Frauen* mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die Gewalt, Unterdrückung oder Ausgrenzung erlebt und überwunden haben. Frauen*, die Wege gefunden haben, um gestärkt weiterzugehen – nicht trotz, sondern mit ihrer Geschichte. Der inszenierte Raum, oft altar- oder thronartig, verleiht ihnen eine zentrale Position und betont die aktive Rolle in ihrer Geschichte.
Ein zentrales Element ist die Symbolik: Jede porträtierte Frau* integriert ein Objekt, eine Handlung oder Idee, die für sie zur Kraftquelle wurde. Ob Ritual, künstlerischer Ausdruck oder neues Lebenskonzept – all das wird Teil ihrer Identität, verwächst mit ihnen wie ein neuer Körperteil, der sie trägt und stärkt.
Seit Anbeginn der Menschheit waren Symbole und Geschichten essenzielle Werkzeuge im Prozess der Heilung. Dieses Projekt ist die Einladung in einen sicheren Raum, in dem Frauen sich selbst darstellen, erzählen und zeigen können, wer sie wirklich sind. Nicht durch das Etikett, das ihnen die Gesellschaft als „Opfer“ aufdrückt. Sondern als aktive Gestalterinnen ihres Lebens, ihrer Geschichte und ihrer Körper.
„Was in mir lebt“ ist eine Hommage an weibliche Resilienz. Es erzählt Geschichten, die Mut machen und zeigt: Transformation ist möglich. Jede Frau* trägt die Kraft in sich, ihr eigenes Narrativ neu zu schreiben. Zugleich ist es ein eindringlicher Aufruf zur Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Gewalt – einem tief verwurzelten, systemischen Problem, das in den unsichtbaren Strukturen patriarchaler Machtverhältnisse verankert ist, genährt durch gesellschaftliche Tabus und kollektivem Schweigen. Eine Gewalt, die Grenzen überschreitet und alle Generationen sowie soziale Schichten durchdringt.
**Frau, als Frauen gelesene Personen
Cecilia Alarcon | Chile

Geschichte ohne Ende
“Ich wurde geboren zwischen den Wellen des Pazifischen Ozeans und den Winden der Küstenkordillere, erschüttert vom großen Erdbeben von 1960 und bedeckt vom Kohlenstaub der Minen von Schwager, in der kleinen Fischerbucht […]
Ich wuchs in einer bescheidenen Familie auf, getragen von der Arbeit meines Vaters – Bergmann und Dreher von Beruf, Politiker aus Überzeugung – und geführt von der stillen Stärke meiner Mutter. Die Spuren der Gewalt, so verbreitet in einer machistischen und von der Bergarbeit geprägten Gesellschaft, prägten auch unser Leben. Ich erinnere mich mit Trauer an das einzige Mal, als ich das Gesicht meiner Mutter mit Blutergüssen sah – nach einem Streit, bei dem die Kraft mehr wog als die Worte. Ich war Zeugin dieser Gewalt und lernte schon als Kind, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, ohne wegzuschauen.
Der 11. September 1973 veränderte den Lauf Chiles – und meinen eigenen. Ich hatte meinen Vater über Gerechtigkeit und Hoffnung sprechen hören. Die Diktatur raubte uns beides. Zwei Jahre lang lebten wir in Angst und Verfolgung, während mein Vater in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war. Meine Mutter blieb allein zurück – mit vier Kindern und einer ungewissen Zukunft.
1975 öffnete uns Österreich […]. seine Türen. Dort begann ein neuer Kampf: […] Von einem Tag auf den anderen wurde ich vom Kind zur jenigen, die die Last der Anpassung trug. Ich lernte die Sprache am schnellsten und bahnte den anderen den Weg, wie es Kinder von Geflüchteten oft tun […]. Mit der Zeit füllte sich meine innere Bibliothek mit Wissen, Arbeit und Erfahrungen, die mich formten. […].Ich widmete mein Leben dem Heilen – dem Versuch, Wunden in gangbare Wege zu verwandeln. Vielleicht fand ich gerade deshalb, weil ich zwischen Schmerz und Widerstandskraft aufgewachsen war, in der Medizin meinen Weg, das zu reparieren, was das Leben zerbricht. […] So wie das Heilen ein Akt der Liebe gegenüber anderen wurde, war auch das Hüten und Schützen des Zuhauses ein solcher Akt: das Licht des Hauses lebendig zu halten, […].
Ich gründete meine eigene Familie mit meinem Lebensgefährten […] Nicht alles war leicht oder glücklich; die Narben des Weges zeichneten sich in meiner Haut ab, härteten sie wie Metall – doch sie nahmen ihr nie den Glanz der Hoffnung. Meine Ausdauer, meine Überzeugung, meine Freude und auch meine Traurigkeiten haben mich bis hierher gebracht. Heute, […], bin ich dankbar für das Leben […]. Ich bin noch hier. Standhaft wie eine Eiche, […]. Denn meine Geschichte, so scheint es, ist noch nicht zu Ende.“
Hanife Ada | Türkei
Hanife Ada | Türkei

Mein Leben, meine Liebe
"Nach Österreich zu kommen, war ein schwieriger Weg. […]. Die Kinder sahen mich mit Abneigung an, sie griffen mich an und wollten mich demütigen. So lernte ich früh, was Rassismus bedeutet.
Die schwierigste Beziehung war die zu meiner Mutter – geprägt von Forderungen, von der Pflicht, patriarchalen Erwartungen zu entsprechen. I […]. Tief in mir blieb die Sehnsucht nach ihrer Liebe. […] Als ich meine erste Blutung bekam, erzählte ich es meiner Mutter, […]. Ihre Reaktion war hart, von Abwehr und Ekel geprägt. Mein Vater sagte: „Gott hat dir etwas geschenkt. Jetzt bist du eine Frau.“ […]
Mit dreizehn Jahren beschlossen meine Onkel, dass ich mit einem Mann verheiratet werden sollte. Sie steckten mir einen Ring an den Finger. In diesem Alter arbeitete ich bereits, […]. Auf dem Weg zur Arbeit begegnete ich einem Mann, […]. In meiner Einsamkeit und Verlorenheit schenkte er mir Aufmerksamkeit und Güte – doch ihn zu sehen, bedeutete Strafe zu Hause. Als ich sagte, dass ich nicht heiraten wollte, war die Reaktion brutal: heftige Schläge und Beschimpfungen von mehreren Seiten, bis ich am Boden lag. Niemand verteidigte mich. Ich musste das Verlobungsversprechen annehmen. Ich war dreizehn und ging noch zur Schule. So werden Mädchen verheiratet – für Gott und für die Familie.
Mein Vater weigerte sich, die Ehe zu legalisieren, doch trotz der Drohungen meiner Onkel gelang es mir schließlich, den Mann zu heiraten, den ich liebte […]. Schon während der Verlobung begann er, seine Wut an mir auszulassen […]. Er war eifersüchtig und gewalttätig. […] Die Hochzeitsnacht war eine Qual, erfüllt von Schmerz und Hilflosigkeit; niemand hatte mir erklärt, was geschehen würde, ich war unschuldig, […] – und das Erlebte blieb tief in mir eingeschrieben. Die jahrelange Gewalt ließ mich drei Jahre im Rollstuhl sitzen […]. Ich überlebte mehrere Mordversuche, war am Ende körperlich und seelisch erschöpft.
Ich hatte geübt, wie ich mich retten könnte – mich im Keller verstecken, die Tür verriegeln. Eines Nachts ging ich hinunter: Der Keller stand unter Wasser, rot gefärbt vom Regen, der den Teppich durchdrungen hatte, auf dem ich so oft geblutet hatte. Mein Blut, vermischt mit dem Wasser, füllte den ganzen Raum. Als ich mich endlich trennte, war ich leer, ausgebrannt, ohne Kraft, bis eines Tages meine Tochter zu mir sagte: „Du bist Hoffnung für andere Frauen. Du kannst ihnen helfen. […] “ So wie ich meine Kinder – das Zerbrechlichste und Wichtigste – schützen konnte und ihnen ein Zuhause aufbaute, begann ich auch für andere Frauen sichere Räume zu schaffen […]
Ich fand neue Kraft im Helfen – und das brachte mir die Freude am Leben zurück. […]. Ich habe mehr als eintausenddreihundert Frauen geholfen: Grenzen zu überwinden, der Gewalt zu entkommen, […]. Ich suchte Mittel, Lösungen und Wege für jede einzelne – für schwangere Mädchen, misshandelte oder verarmte Frauen. […] Das ist mein unendliches Zeichen – die Liebe, die Freiheit. Ich habe mich befreit – von Ketten, von Missbrauch, von zerstörerischen Beziehungen. Ich war mit einem Mann verheiratet, für den Frauen nichts wert waren.Heute sind diese Frauen – meine Töchter – selbstständig, stark und erfolgreich. Sie haben so viele Titel, dass man sie kaum aufzählen kann.”
Wer wir sind
Die Verwirklichung eines Projekts wie diesem wäre ohne die Zusammenarbeit wundervoller Menschen nicht möglich gewesen – Menschen, die mit Herz, mit Prinzipien und mit dem tiefen Wunsch nach einer gerechteren, menschlicheren Welt all ihre Kraft in dieses Werk eingebracht haben.
Dieser Weg war herausfordernd, manchmal schwer, gespickt mit Hindernissen – und doch zugleich zutiefst bereichernd. Voller Momente tiefer Verbundenheit, voller Lachen und Tränen, voller Erkenntnisse und Lernen.
Auf dieser Reise sind uns auf beeindruckende Weise viele Menschen begegnet, die uns unterstützt haben – nicht nur materiell, sondern auf unzählige andere Weisen: indem sie Räume geöffnet, geteilt, vermittelt, geliehen, zugehört, beraten und begleitet haben.
Mein tiefster Dank gilt dem Kernteam, das dieses große Vorhaben getragen, vorangetrieben und mich auf Wegen unterstützt hat, die ich mir nie hätte vorstellen können:
Evelyn Lynam Ruiz / Künstlerin, Fotografie, Postproduktion, Konzept und künstl. Leitung
Robert Ladkani / Produktion & Assistenz
Sonia Siblik / Kuratorin
Ursula Korte / PR-Unterstützung
Annika Hahn / Sales & PR
Katharina Florian / Kommunikationswerkstatt
Erika Pasten / Postproduktion
Yael Svoboda / Assistenz
Monika Labaj / Visagistin (Alina Chabanenko)
Unterstützerinnen und Unterstützer
Dieses Projekt wäre ohne die Unterstützung und vor allem die Überzeugung vieler Menschen, die sich mit den Werten von Respekt und Gerechtigkeit identifizieren und aktiv dafür eintreten, nicht möglich gewesen. Wir möchten besonders die Mitarbeit von Andrea Eberl und Sonia Siblik hervorheben. Unser tiefster Dank gilt den teilnehmenden Frauen, die uns Einblick in ihre Geschichten geben und uns mit ihrem Mut inspirieren. Wir danken außerdem dem 9. Bezirk Alsergrund sowie Bildrecht, deren Förderung entscheidend zur Umsetzung dieses Projekts beigetragen hat – ebenso wie all jenen, die mit ihren großzügigen Beiträgen unsere Crowdfunding-Kampagne möglich gemacht haben.
Kooperationspartner:innen

















Und allen Menschen, die unser Projekt durch ihre Beiträge in der Crowdfunding-Kampagne möglich gemacht haben – von Herzen danke.
Ausstellungen & Führungen 2025
Ausstellungseröffnung & Podiumsdiskussion „Was in mir lebt. Porträts einer Metamorphose“ von Evelyn Lynam Ruiz
Dienstag, 25.11.2025
Frida Kahlo Saal
Die Ausstellungseröffnung von Was in mir lebt. Porträts einer Metamorphose bildete den inhaltlichen und öffentlichen Auftakt des Projekts. Im Mittelpunkt stand eine interdisziplinäre Podiumsdiskussion zu geschlechtsspezifischer Gewalt und zur Rolle von Kunst als Mittel der Sichtbarmachung, Reflexion und Selbstermächtigung.
Keynote:
Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser/AÖF
Teilnehmerinnen am Podium:
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Hanife Ada, Vorsitzende des Vereins Yetis Bacim
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Saya Ahmad, Bezirksvorsteherin Alsergrund
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Birgit Koch, Kunsttherapeutin, Hemayat
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Katharina Kräftner, Vizepräsidentin UN Women Austria
Moderation:
Marcela Torres Heredia, Sozialwissenschafterin und Aktivistin
Die Podiumsdiskussion fand in Kooperation mit dem Bezirk Alsergrund und Hemayat statt.

Persönliche Führungen durch die Ausstellung
Ergänzend zur Ausstellungseröffnung fanden im Dezember vier persönliche Führungen mit der Künstlerin Evelyn Lynam Ruiz statt. Diese Führungen boten einen vertieften Zugang zum Projekt und gingen bewusst über eine klassische Ausstellungseinführung hinaus.
Die Führungen zeichneten sich durch eine große inhaltliche Tiefe, Nähe und Offenheit aus und wurden von den Besucherinnen und Besuchern als besonders intensiv und berührend wahrgenommen.
Insgesamt nahmen im Jahr 2025 über 300 Besucherinnen und Besucher an der Ausstellung, der Podiumsdiskussion und den Führungen teil.













